Unternehmensvision – Teil II

Unternehmensvision

Andreas Walter hatte in seinem Beitrag vom 29. Mai bereits die Bedeutung einer klaren Unternehmensvision erläutert und die Wichtigkeit, diese in angemessener Form seinen Mitarbeitern zu vermitteln. Ich selber halte Träume und Visionen für zwei der wichtigsten Triebfedern in der Entwicklung der Menschheit überhaupt. Nicht nur, aber auch in der Wirtschaft.

Die gesamte amerikanische Mikroelektronikindustrie, inklusive der Computertechnik, und die globale Vormachtstellung der USA auf diesem Gebiet sind zu einem großen Teil auf Visionen zurückzuführen.

Was aber macht eine Vision erfolgreich? Welche Eigenschaften muss eine Vision haben, damit sie überhaupt eine Vision ist und aus ihr ein Weltmarktführer entstehen kann?

Im Wesentlichen sind es zwei Faktoren, die Menschen dafür begeistern können einer Vision zu folgen. Die erste wichtige Eigenschaft ist die der Bedeutung einer Vision. Wenn Ihre Vision zum Gähnen langweilig ist, dann können Sie diese noch so wirksam kommunizieren, sie werden damit keinen Erfolg haben. Es gibt im amerikanischen den schönen Begriff „To make a dent in the universe“.

Wenn Menschen das Gefühl haben an etwas Epochalem teil zu haben und die Welt zu verändern, dann ergibt sich eine Begeisterung, die alle daran Beteiligten mitreißt. Die Computerkids aus dem Silicon Valley haben keine Rechenmaschinen gebaut, sie haben stattdessen erkannt wie diese kleinen Dinger die Welt verändern können. Der integrierte Schaltkreis ermöglichte die Schaffung einer völlig neuen Welt, und die Jungs in den USA haben sie geschaffen – WOW, was für ein THRILL!!!

  • Den Wirkungsgrad eines Benzinmotors um 5% zu erhöhen – GÄÄHN
  • Aus einem Dieselmotor 17 NM mehr Drehmoment rauszuholen – GÄÄHN.
  • Den Verbrennungsmotor durch Elektromobilität zu ersetzen, die Technologie mit der Menschen sich fortbewegen auf eine völlig neue Basis zu stellen, die Städte von Abgasen zu befreien und eine leise und saubere neue Welt zu schaffen – WOW!

Überlegen Sie sich also vorher genau, was ihre Vision ist und wie die Realisierung Ihrer Vision die Welt verändert. Wenn Ihre Vision die Welt nicht entscheidend verändern kann, dann ist es keine Vision, sondern „nur“ ein Ziel. Ziele sind nicht schlecht. Es gibt auch nicht immer und überall echte Visionen. Welche Vision sollte ein Hersteller von Gummidichtringen haben? Ich lasse mich überraschen.

Probleme entstehen immer dann, wenn man Visionen mit Zielen verwechselt. Wenn man glaubt eine Vision zu haben und seine Mitarbeiter damit motivieren zu können, während man in Wahrheit nur ein Ziel vor Augen hat. Visionen und Ziele erfordern nämlich unterschiedliche Instrumentarien der Mitarbeitermotivation. Wendet man das falsche Instrumentarium an bleibt der Erfolg unweigerlich aus.

Der zweite erfolgsbestimmende Faktor einer Vision ist Geld. In Deutschland gilt es geradezu als Sakrileg wenn ein Mitarbeiter für seine weltverändernden Errungenschaften auch noch ein angemessenes Gehalt erwartet. Das ist übrigens einer der Gründe wieso so viele talentierte und hochmotivierte Ingenieure und IT-Spezialisten aus Deutschland nach Kalifornien auswandern.

Mit 30 Jahren als Ingenieur in Deutschland nur durch sein Gehalt Millionär geworden zu sein? Unmöglich! In den USA? Nichts Besonderes! Wahrscheinlich gibt es allein bei den führenden amerikanischen Betriebssystemherstellern mehr Programmierer, die durch ihre Arbeit zu Millionären geworden sind als in ganz Deutschland zusammen.

Warum aber ist das Geld so wichtig? Geld ist doch böse, oder etwa nicht?

Zum einen ist Geld wichtig, weil Menschen ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden haben. Wenn jemand außerordentliche Leistungen erbringt, die Welt verändert und seinem Unternehmen Milliardengewinne beschert, selber aber nur mit einem profanen Durchschnittsgehalt abgespeist wird, dann fühlt er sich ungerecht behandelt. Und wer sich ungerecht behandelt fühlt geht in die innere Emigration und verliert die Lust an der Arbeit.

Zum anderen macht Geld einfach Spaß. Gerade wenn man jung ist macht es einfach nur Spaß einen Porsche oder einen Ferrari zu fahren, ein Haus mit Swimming-Pool zu haben, den neuesten 65“-OLED Fernseher an der Wand hängen zu haben und zum Skilaufen in die Alpen zu fahren. Wer all dieses genießen kann und sich dessen bewusst ist, dass seine Arbeit ihm diesen Spaß ermöglicht, der wird mit einer ganz anderen Einstellung in die Firma fahren als jemand, der sich von seinem mickrigen Gehalt gerade mal einen VW Golf und eine kleine 2-Zimmer-Wohnung in München leisten kann.

Wer einmal miterlebt hat welch unglaublich motivierende Wirkung ein 12-Zylinder-BMW haben kann, der weiß wovon ich rede.

Exzellente Mitarbeiter exzellent zu entlohnen ist etwas, das der deutschen, auf Konsens und Egalität  ausgerichteten Unternehmenskultur diametral entgegensteht, was aber eine unverzichtbare Voraussetzung für den Erfolg wirklicher Visionen ist.

Ich möchte meine Ausführungen zum letzten Punkt mit einem Spruch aus der Bibel schließen.

„Einer teilt aus und hat immer mehr; ein anderer kargt, da er nicht soll, und wird doch ärmer. Die Seele, die da reichlich segnet, wird gelabt; wer reichlich tränkt, der wird auch getränkt werden.“ – Sprüche 11.24-25

 

Gastbeitrag von Mark Linnamägi :

Mark Linnamägi ist seit mehr als 20 Jahren an der Grenze zwischen Technologie und Wirtschaft tätig. Er studierte Elektrotechnik und Betriebswirtschaft an der RWTH Aachen und konzentrierte sich bereits während seines Studiums auf die Bereiche Technologie- und Innovationsmanagement sowie den Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technik und Märkten.

Nach seiner Angestelltentätigkeit im Vertrieb und Marketing einiger großer, deutscher High-Tech-Konzerne gründete er 2005 die Firma Linnamägi Executive Search und berät vor allem große, mittelständische Unternehmen bei der Rekrutierung von Fach- und Führungskräften.

Er hält Vorträge über Mitarbeiterführung und Motivation und ist als Gastautor auf dem Unternehmensziele-Blog tätig. Mit seinen Beiträgen möchte er die Leser dazu animieren vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, auch mal unkonventionelle Denkanstöße geben, nicht immer alles durch die „deutsche Brille“ zu sehen und sich auch einfach mal zurück zu lehnen und ganz unvoreingenommen über Dinge nachzudenken.

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